Zweifelsohne alles

Der englische Fußballtorhüter Paul Cooper hielt Anfang der achtziger Jahre acht von zehn Elfmetern, die in der Saison gegen seine Mannschaft gepfiffen wurden. Als er später gefragt wurde, was sein Geheimnis sei, sagte er, am Anfang habe er ein paar Mal einfach Glück gehabt. Dann aber sei aufgrund seiner guten Bilanz der Zweifel in die Köpfe der Schützen gekrochen. "Ihr Selbstvertrauen schrumpfte, während meines immer weiter wuchs." Und deswegen seien die Fußballer reihum an ihm gescheitert.

Seither sind fast vier Jahrzehnte vergangen, aber der Ruf des Zweifelns hat sich seit damals kaum verändert. Die landläufige Meinung lautet: Wer zweifelt, verliert. Das ist ziemlich bedauerlich, denn in Wahrheit passt kein Gefühl besser in unsere Zeit als jede Art von Zweifel.

Der technologische Fortschritt hat so weitgreifende, ja fundamentale Auswirkungen auf nahezu alle Bereiche der Wirtschaft, dass kaum vorherzusehen ist, unter welchen Umständen sich Unternehmen, Mitarbeiter, Selbständige in drei, fünf oder zehn Jahren werden behaupten müssen.

Dennoch müssen Menschen auch unter Einfluss dieser vielen Unsicherheitsfaktoren Entscheidungen treffen - Entscheidungen, die für sie selbst, für ihre Familie, für ihre Angestellten oder für ihr Land von existenzieller Wichtigkeit sind und sein werden. Es ist schwer vorstellbar, dass das gelingt, ohne an diesen Entscheidungen im Zweifelsfall zu zweifeln - und das ist auch gut so. Denn der Zweifel hat seinen schlechten Ruf völlig zu Unrecht.

Die Fähigkeit, die eigene Leistung zu hinterfragen, ist die erste und unabdingbare Voraussetzung für Exzellenz in jeder Disziplin. Man sieht das in jedem durchschnittlichen Büro: Da gibt es auf jeder Hierarchiestufe Menschen, die in Selbstzufriedenheit erstarrt sind. Und man findet auf jeder Ebene Menschen, deren Leistung hervorsticht - eben weil sie ständig nach Möglichkeiten suchen, die Ergebnisse ihrer Arbeit zu optimieren.

Die Fähigkeit zu zweifeln, bringt aber nicht nur den Einzelnen oder die Einzelne weiter, sie ist auch eine zentrale Kompetenz für erfolgreiche Unternehmen. Wer in Zeiten fortschreitender Digitalisierung sein eigenes Geschäftsmodell nicht zu hinterfragen bereit ist, könnte schneller abgehängt werden, als es heute vorstellbar erscheint. An bestehenden Strukturen oder Arbeitsabläufen zu zweifeln, ist unabdingbar, um Innovationzu ermöglichen und im Gegenzug eine Erstarrung zu verhindern.

Zweifel auszusprechen, lohnt sich fast immer

Die zentrale Aufgabe von Menschen in leitenden Positionen ist immer Kommunikation. Wer das hinbekommt, hält die Stimmung im Team konstant und seine Mitarbeiter motiviert. Wer an dieser Herausforderung scheitert, verunsichert seine Leute - was sich negativ auf ihre Leistung auswirkt. Die eigenen Zweifel zu kommunizieren, ist für Führungskräfte sicher die kommunikative Königsdisziplin.

Doch die Anstrengung lohnt sich: Wer in unsicheren, für das Unternehmen vielleicht schwierigen Zeiten weitreichende Entscheidungen trifft, tut gut daran, Überlegungen und Unsicherheiten mit der Belegschaft zu teilen, weil es für die Menschen nachvollziehbar macht, warum man dem einen Argument schlussendlich mehr Bedeutung beigemessen hat als dem anderen. Das wird, auch wenn einzelne Mitarbeiter vielleicht anders entschieden hätten, die Akzeptanz dieser Maßnahmen erhöhen und ihre Umsetzung erleichtern.

Zweifeln und trotzdem entscheiden - das ist die Kunst

Dass der Zweifel und vor allem die Kommunikation des Zweifels trotzdem so einen schlechten Ruf haben, mag daran liegen, dass es ein schmaler Grat zwischen Zweifeln und Zaudern ist. Denn natürlich bedeutet die Fähigkeit, Unsicherheit zuzulassen nicht, dass man nicht trotzdem eine Entscheidung treffen sollte - und treffen kann. Die Kunst des Zweifelns besteht darin, die Unsicherheit zu ertragen und trotzdem zu einer Entscheidung und ihren Konsequenzen zu stehen.

Das fällt naturgemäß jenen leichter, die sich auch in komplizierten Zeiten auf ein Gerüst aus Werten und Überzeugungen verlassen können.

Es ist wie in einem Orchester: Nicht der feine Geigenklang gibt den Takt vor, sondern das hämmernde Schlagzeug. Achten Sie einmal darauf, wer in Ihrer Firma die Marschrichtung bestimmt.

Bertrand Russell war ein britischer Philosoph, Mathematiker und Logiker. Passend formulierte er die folgenden Worte: "Es ist ein Jammer, dass die Dummköpfe so selbstsicher sind und die Klugen so voller Zweifel". Zweifelsohne richtig.

Text:
Herbert Wackenhut

Quellen:
03.01.2017 Süddeutsche Zeitung - Traut euch zu zweifeln

02.12.2010 Zeit online Das Zitat… und ihr Gewinn
 

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Unterstützt aus Mitteln des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg


 

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